Europa (Cherbourg)

Nun geht es Richtung Europa und wird es eindeutig kälter. Nur in Shorts bekleidet am Ruder sitzend ist nicht mehr machbar: am Tag mit T-Shirt und in der Nacht mit langer Hose und Jacke.

11.07.2024 Abfahrt gegen 11:00. Zuerst abgemeldet und ausklariert um die Papiere in Ordnung zu halten.
Dann ging es erst durch die Passage zwischen Pico und Faial. Wie angekündigt traten hier Strömungen von bis zu 2,5 kn auf. Bis zur Ankunft in Horta war die Logge wieder mit Kleinstlebewesen überwuchert und deshalb nicht mehr funktionsfähig. Nach der Reinigung der Logge durch Igor in Nassau, war sie ein paar Tage später wieder außer Betrieb. Ich glaube, das liegt am warmen Wasser und dem Umstand, das es der Karibik keine Putzerfische gibt. Das ist auf den Azoren anders. Beim Stop in der Marina von Horta, waren unzählige Putzerfische damit beschäftigt, den Rumpf der Sealady zu säubern. Es gab wohl viele Leckereien von der Karibik dabei. Direkt bei der Abfahrt von Horta zeigt die Logge wieder Werte an. Die Logge ist enorm wichtig für die Durchfahrt des englischen Kanals. Mit der Differenz zwischen Logge und GPS läßt sich die Strömung berechnen um den Kurs zu bestimmen oder ggf. zu optimieren.

Der grobe Plan für die nächsten 10 Tage

12.07.2024 Die Nacht war windig, kalt und regnerisch. Es gab Windgeschwindigkeiten bis 24 kn die nicht vorhergesagt waren. Prophylaktisch hatte ich das Groß bereits am Abend um 50 % gerefft. Die Größe der Wellen ist moderat, da ich mich am Anfang des Tiefdruckgebiets befinde.
Den ganzen Tag war das Wetter stabil, gleichmäßiger Wind (12-16 kn), und ein Mix aus Sonne und Wolken. Die Windrichtung ändert sich schon mal, da ich mich am Ende eines Tiefdruckgebietes und zwischen einer Warm- und Kaltfront aufhalte. Normalerweise bringt eine Front eine Menge Regen mit, aber hier auf dem Atlantik herrschen wohl andere Gesetze. Das wichtigste ist, dass die beiden Fronten lt. Vorhersage keine Okklusion im Tiefdruckgebiet bilden.

Der kleine blaue Punkt ist der derzeitige Standort.
Kaltfront (blau), Warmfront (rot) befinden sich im Tiefdruckgebiet
und ziehen linksstehend Richtung Portugal ab. Treffen rot und blau
aufeinander, spricht man von einer Okklusion. Und da möchte man
sich nicht aufhalten

13.07.2024 Die Warmfront ist mit ihrem Durchzug seit letzter Nacht präsent: Wind in Böen bis zu 25 kn und heftigster Niederschlag. Die Temperatur liegt bei 21 °C und die Luftfeuchtigkeit bei 90 %. Um 10 Uhr kam die Sonne durch, die Wolken verschwanden und der Wind pendelte sich auf 14 – 18 kn ein und die Kaltfront zog unbemerkt vorbei.

Im lila Bereich befindet sich die Okklusion. Sie hat viel Niederschlag,
relativ wenig Wind, da die Isobaren weit auseinander liegen.
Diese „alte“ Zyklone bleibt länger bestehen und wird Deutschland
am Montag oder Dienstag erreichen und ein paar Tropfen Wasser
vom Atlantik mitbringen.

14.07.2024 – 15.07.2024 Es waren 2 Tage Segeln mit extremen Gegensätzen. Am 14.07 wehten Winde zwischen 20 kn und 30 kn. Für den Wind kann man die Segel einstellen, aber auf die daraus resultieren Wellen ist nur den Kurs anpassbar. Bei einem Seegang von 5, ist m. E. So der Kurs zu wählen, das die Wellen von schräg hinten kommen. Dieser Wind war auf keinem Wettermodell vorhergesagt, noch wurde das Wettermodell währenddessen aktualisiert. Der große Vorteil war das Tagestrip von 130 sm. Einen Tag später fiel der Wind auf bis 8 kn zurück. Die Wellen blieben zunächst und bauten sich nur langsam ab.

16.07.2024 Die letzten 2 Tage waren wieder extrem: von wenig Wind bis 9 kn und viel Wind bis 26 kn. Die europäische Wettervorhersage ECMWF ist ab dem Bereich „frischer Wind“ sehr unzuverlässig in Bezug auf Windstärke, Dauer und Wellenhöhe. Ab eine gemeldeten Wind von 18 kn, addiere ich 6 kn und für die Dauer 4 Stunden hinzu.

17.07.2024 Ab heute beginnt die Überfahrt der Biskaya, wenn auch nur am Rand. Bei gleichbleibender Fahrt würde ich von Samstag bis Montag sehr unangenehme Wetterbedingungen antreffen. Damit diese mit genügendem Abstand an mir vorbeiziehen, wird für die kommenden 2 – 3 Tage mit reduzierter Fahrt gesegelt, oder mit einem Beilieger beigedreht, wobei mir letzteres Manöver am liebsten ist. Denn die Annäherung zum englischen Kanal darf maximal 50 sm / Tag in den nächsten Tagen nicht überschreiten. Die Distanz zum nächsten Wegpunkt, auf der Höhe von Brest, beträgt ab heute 564 sm.

18.07.2024 Seid gestern und heute fahre ich durch den dicksten Nebel. Bei Dunkelheit sind die Positionslampen anderer Schiffe zu erkennen, im Nebel keine. Das einzige Hilfsmittel für die Lokalisierung Anderer, sind das AIS und oder das Radargerät. Auf dem Radar sind nur solche zu erkennen, die auch einen Radarreflektor an Bord haben. Zur portugiesischen Küste sollte der Abstand groß genug sein, da einige Fischerboote nur visuell sichtbar sind. Seit gestern hat sich die Distanz zu Brest um 40 sm verringert. Da der schwache Wind auch bis morgen anhält, ist eine weitere Annäherung an Brest um ca. 50 sm kein Problem. Somit bleibe ich im Plan, die extremen Windverhältnisse zu umgehen. Die Ankunft für einen Pitstop in Cherbourg verschiebt sich bei diesem Manöver um 2 Tage, aber Sicherheit geht vor.

Auch wenn ich mit kleiner Fahrt nur langsam vorankomme, bin ich dennoch viel zu schnell. Um den Starkwinden am Freitagnachmittag und in der darauffolgenden Nacht nicht zu begegnen, wird ab heute Abend abgewettert. Technisch bedeutet es, das die Fock back bleibt und Gegenruder gesetzt ist. Der Autopilot ist deaktiviert und das Schiff treibt mit dem Wind und der Strömung. Dieses Manöver wird bis Samstagvormittag gefahren, um dann wieder Kurs auf Brest zu nehmen.

19.07.2024 Die Wettervorhersage ist ab heute bis morgen Vormittag ist nun ziemlich treffend. Ab 14 Uhr bis 17 Uhr begegnen mir die ersten Ausläufer mit ca. 27 kn und Samstag Nacht von 0 Uhr bis 7 Uhr mit ca. 26 kn. Im Zentrum des Tiefdruckgebietes sind Windstärken bis zu 39 kn vorhergesagt. Den daraus resultierenden Wellen von 3,90 m werde ich nicht begegnen, da der Wind vor mir querab weht. Lt. Plan beginnt die Weiterfahrt voraussichtlich ab Samstagvormittag 10 Uhr.

20.07.2024 Die Wettervorhersage stimmte in Bezug auf Einsetzen, Windrichtung und Winddauer. Bei der Intensität wich diese von 26 kn auf 33 kn ab. Die alleinige Stabilisierung des Schiffes durch die Sturmfock reichte dich hier nicht aus, das ohnehin nur die Größe eines Taschentuches hatte. Der zu haltende Kurs musste zusätzlich durch Schiffsmotor unterstützt werden, damit es an Fahrt aufnimmt und bei einer quer schlagenden Welle nicht ausbricht. Bei einer weiteren Windstärke hätte ich auf das Manöver „Lenzen vor Topp und Takel“ zurückgegriffen. Die Jordan Series Drogue ist jederzeit sofort einsatzbereit. Ab Mitternacht fuhr ein Segelboot in 2 sm Abstand bis zum Morgengrauen den identischen Kurs. Ab 2 Uhr Nachts war ein Tanker auf dem AIS sichtbar. Er fuhr den gleichen Kurs wie die beiden vor ihm fahrenden Segelschiffe. Bei diesem Windverhältnissen ist ein Ausweichmanöver für ein Segelschiff sehr schwierig, da die Wellen eine Kursänderung stark einschränken. In ca. 10 sm Entfernung änderte der Tanker seinen Kurs um 5° nach Steuerbord und fuhr ein wenig später in einen Abstand von 2 sm an mir vorbei. Bis ca. 8 Uhr hielt der Wind an, die Wellen beruhigten sich erst in den Abendstunden.

21.07.2024 – 22.07.2024 In den letzten zwei Tagen beträgt die Temperatur 18°, es ist diesig und selten zeigt sich die Sonne. Ein seit Tagen stetiger Wind aus Südwest, sorgt für ein gutes vorankommen. Dieser macht am 23.07 leider für einen Tag Pause, also geht es dann weiter unter Maschine. Es sind noch 2,5 Tage bis auf der Höhe von Brest und noch weitere 2 Tage bis nach Cherbourg.

23.07.2024 – 24.07.2024 Das Continental Shelf habe ich heute Nacht bzw. heute Vormittag am 24. überquert. Von 2000 m Tiefe geht es sehr schnell auf 200 m. Die geplante Route sah mit ohnehin die sicherstes Stelle zur Überquerung vor. Bei frischem Wind stehen die Wellen hier nicht ganz so steil. Die Überquerung war nur manchmal durch einen unruhigeren Wellengang zu spüren. Zum Glück sind hier weitaus weniger Fischereischiffe als im unteren Teil der Biskaya. Diese sind hier sogar rücksichtsvoll und passen ihren Kurs u. U. anderen Schiffen an. Nach der KVR Regel 18 müssen auch Segelfahrzeuge fischenden Fahrzeugen ausweichen. Nach der Überquerung des Shelf ist der atlantische Wellengang nicht mehr vorhanden. Die sind wesentlich kürzer und flacher, plötzlich auftretende Mini-Brecher gibt es hier nicht. Mit der Annäherung an den englischen Kanal ist zusätzlich die Strömung der Tide zu berücksichtigen. Da der Wind momentan aus SW vorherrscht, kann ich die Tide ein wenig vernachlässigen. Und dafür benötige ich die Logge. Sie zeigt zwar eine geringere Geschwindigkeit als das GPS an, dennoch ist eine Gegenströmung erkennbar und zu berechnen.

Route zur Überquerung des Continental Shelf

25.07.2024 Es war für mich das erste Mal, ein VTG am Ende zu passieren. Es war früh morgens in der der Dämmerung, es war diesig und die Sichtweite betrug max. bis zu 0,5 sm. Den Ärmelkanal durchqueren täglich 400 – 500 Schiffe. Ohne AIS und Radar ist ein Passieren bei dieser Schiffsdichte kaum möglich und bei schlechter Sicht ist sie mehr als waghalsig. Man muss schon ein gewisses Vertrauen zu seiner Elektronik und Erfahrung haben, um sich einem VTG zu nähern.

Das VTG am Ende des Ärmelkanals zur keltischen See.
Die Pfeile beschreiben die Fahrtrichtung der Berufsschifffahrt.
Unten rechts ist der zu erreichen Wegepunkt
Am Ende des VTG befinden sich sich einige Schiffe.
Große Vorsicht ist geboten, denn diese sind um einiges schneller.
Nach weiteren 8 Stunden: Links das VTG mit der Einbahnstraße, rechts 4 Segelschiffe

26.07.2024 – 27.07.2024 Die Fahrt durch den „Englischen Kanal“, außerhalb des VTG´s, ist schon wesentlich entspannter, denn die Berufsschifffahrt fährt auf den ihnen vorgeschriebenen Wegen. Allerdings ist eine vorausschauende Routenplanung hinsichtlich Wind und Strömung notwendig. Denn gerade im Bereich der Britischen Inseln vor Frankreich sind die Strömungen extrem. Sie setzten mit bis 5 kn dagegen. Kommen dann noch Wind und Welle hinzu, könnte es sein, das man abtreibt oder rückwärts fährt. Hinzu kommt die Gefahr eines Legerwalls. Stellenweise fuhr ich 2 Stunden mit nur 0,2 kn vorwärts, unter Segel mit Wind von Achtern und unter Motor. Das gute Gefühl kam dann wieder, als das Schiff mit 8,5 kn an Fahrt aufnahm. Die Strömung kam nun aus entgegengesetzter Richtung. Dann bleiben nur noch 5 Stunden Zeit, um den Zielhafen zu erreichen.
In Cherbourg hat sich nach einem Jahr verändert. Die Baustellen auf den Straßen sind verschwunden, hinzugekommen sind neue Fahrradwege mit ausreichend Platz, auch für E-Scooter.

TagDat.ZeitWind SeehPaGPSknTTT-GNordWest
111.0713:05820160404,038° 36.320028° 32.903
11.0721:041430150544,8565639° 03.686028° 08.522
212.0707:051830130595,139° 33.282027° 19.703
12.0716:081430160235,012818440° 00.259 026° 31.591
313.0707:001830110704,540° 42.057025° 30.857
13.0714:091530130554,5111295 40° 48.670024° 51.244
414.07 13:082250110715,641° 42.937022° 42.340
14.0720:071650120555,413042541° 54.569021° 51.181
515.0707:1112 2 0140534,442° 20.732021° 01.653
15.0716:37820180493,38951442° 38.104020° 26.628
616.0708:411120160514,643° 10.943019° 27.469
16.0718:172040150455,1111625 43° 54.671018° 26.518
717.0706:551230120613,0 44° 05.991017° 26.366
17.0716:01720140492,055680 44° 12.211017° 13.166
818.0718:09640180533,043723 44° 28.634016° 24.381
919.0707:301430160531,0 44° 35.190016° 15.781
19.0717:482640133071,751774 44° 47.578016° 16.893
1020.0713:04134 0180684,4 44° 53.121015° 07.973
20.0720:251430190644,189863 45° 01.119014° 25.437
1121.0709:491530200314,6 45° 32.766013° 36.588
21.0718:001540200434,6111974 45° 55. 131012° 56.380
1222.0712:001430130364,6 40° 26.516011° 17.085
22.0718:151440210714,4921066 46° 43.842010° 48.501
1323.0710:44420250673,0 46° 57.600009° 30.878
23.0721:08410250573,0901156 47° 13.615008° 46.360
1424.0706:00710230553,5 47° 30.525008° 16.966
24.0718:001010200594,91021258 47° 55.248007° 05.370
1525.0705:281530150795,2 48° 15.738006° 00.187
25.0720:00930130505,8901348 48° 41.579004° 53.233
1626.0714:27520130573,549° 16.425003° 34.459
1727.0712:00520251258,0791427 49° 45.763001° 55.113
Start bei 13655 sm, Distanz zu NL ca. 1600 sm, Trip pro Tag „T-T“ gemessen von 24:00 bis 00:00 in sm, Trip gesamt „T-G“